Forschung 2075


AUTORINNEN Dr. Martina Lutz & PD Dr. Laura Hinze


Forschung 2075


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Wie sieht Krebsmedizin im Jahr 2075 aus? Werden Tumorerkrankungen dann präzise kontrollierbar sein oder bleibt Krebs ein Gegner, der sich immer wieder neu erfindet? Für zwei junge Krebsforscherinnen beginnt diese Zukunft nicht erst in fünf Jahrzehnten. Sie entsteht bereits heute im Labor, zwischen Zellkulturen, Mikroskopen und großen Datensätzen.

Dr. Martina Lutz entwickelt am Universitätsklinikum Tübingen therapeutische Antikörper, die gezielt Tumorzellen angreifen sollen. PD Dr. Laura Hinze untersucht an der Medizinische Hochschule Hannover (MHH), wie Krebszellen ihren Stoffwechsel verändern, um Therapien zu überleben.


Dr. Martina Lutz – Präzisere Waffen gegen Tumoren


Für Martina Lutz hat die Zukunft der Krebsmedizin ein zentrales Stichwort: Präzision. Viele moderne Therapien greifen bereits gezielt in molekulare Prozesse von Tumorzellen ein. In den kommenden Jahrzehnten dürfte sich diese Entwicklung vor allem im Bereich therapeutischer Antikörper weiter verstärken. Diese Moleküle erkennen spezifische Strukturen auf Krebszellen und aktivieren entweder das Immunsystem oder greifen Tumoren direkt an. „In 50 Jahren könnte die Behandlung von Tumorerkrankungen deutlich präziser sein“, sagt Lutz. „Im Bereich innovativer therapeutischer Antikörper erwarte ich, dass diese nicht nur effizienter wirken, sondern auch besser verträglich werden.“ Mit jeder neuen Substanz wächst auch die Zahl möglicher Kombinationen. Therapien lassen sich dadurch zunehmend auf die Eigenschaften eines Tumors abstimmen – ein Ansatz, der in der Onkologie immer wichtiger wird. Überraschend gleich bleiben wird dabei vermutlich das Grundprinzip: Wir werden weiterhin versuchen, einen Schritt schneller zu sein als der Tumor. Krebszellen sind keine statischen Ziele. Sie weichen aus, passen sich an. Dieses Wechselspiel zwischen Therapie und Resistenz wird die Onkologie auch in 50 Jahren prägen.
Ein zweiter Fortschritt zeichnet sich in der Diagnostik ab. Neue Verfahren der funktionellen Bildgebung geben bereits heute Einblick in biologische Prozesse im Körper. In Zukunft könnten sie deutlich früher zeigen, ob eine Immuntherapie tatsächlich eine Reaktion auslöst.
„Solche Ansätze könnten früh sichtbar machen, ob eine effiziente Immunantwort erfolgt, und damit helfen, das Therapieansprechen vorherzusagen oder Behandlungen anzupassen“, erklärt Lutz. Besonders bei der Entwicklung neuer Antikörper erwartet sie eine starke Beschleunigung durch datengetriebene Methoden: „KI wird das Screening, Design und die funktionelle Optimierung von Antikörpern erheblich erleichtern und beschleunigen.“
Parallel entstehen experimentelle Modelle, die menschliche Gewebe immer realistischer nachbilden. Organoide oder sogenannte Organ-on-a-Chip-Systeme erlauben es, Krankheitsprozesse außerhalb des Körpers zu untersuchen: „Solche Modelle könnten auch dazu beitragen, die Notwendigkeit für Tierversuche zu reduzieren.“

Portrait Martina Lutz
Martina Lutz
Portrait Martina Lutz
Martina Lutz

PD Dr. Laura Hinze – Die Überlebensstrategien der Krebszellen


Laura Hinze richtet ihren Blick hingegen stärker auf den Gegner selbst. Krebszellen besitzen eine Eigenschaft, die ihre Behandlung besonders schwierig macht: Sie passen sich an. Tumoren verändern ihren Stoffwechsel, reagieren auf Stress und reorganisieren ihre zellulären Prozesse, sobald sie unter therapeutischen Druck geraten. „Eine der faszinierendsten – und gleichzeitig frustrierendsten – Eigenschaften von Krebszellen ist ihre enorme Anpassungsfähigkeit“, sagt Hinze.

Genau diese Anpassungsstrategien stehen im Mittelpunkt ihrer Forschung. Ein Teil ihrer Arbeit untersucht, wie Tumorzellen reagieren, wenn ihnen bestimmte Nährstoffe entzogen werden und welche Rolle dabei der gezielte Abbau von Proteinen spielt. Ziel ist ein besseres Verständnis der Mechanismen, mit denen Krebszellen Therapien überstehen. Laut Hinze eröffnet dieses Wissen langfristig neue Angriffspunkte für Behandlungen: „Ich glaube, dass wir in Zukunft sehr viel gezielter in solche Mechanismen eingreifen können. Therapien könnten dann nicht nur einzelne Gene oder Signalwege blockieren, sondern ganze Überlebensprogramme von Tumorzellen stören.“
Gemeint sind komplexe Systeme – etwa metabolische Netzwerke oder Stressreaktionen –, die Krebszellen helfen, widrige Bedingungen zu überstehen. Neue Technologien liefern dafür immer detailliertere Einblicke. Hochauflösende Einzelzellanalysen oder experimentelle Modelle des Tumormikromilieus zeigen bereits heute, wie unterschiedlich einzelne Krebszellen innerhalb eines Tumors funktionieren. Künftig werde man Tumoren nicht nur beschreiben, sondern ihre Reaktion auf eine Behandlung in bislang unerreichter Detailtiefe nachvollziehen können, erklärt Hinze: „In Zukunft könnten wir beobachten, wie sich Tumore unter Therapie verändern und welche Anpassungsstrategien einzelne Zellen entwickeln.“

Portrait Laura Hinze
Laura Hinze
Portrait Laura Hinze
Laura Hinze

Was die Medizin der Zukunft entscheidet


Die beiden Forscherinnen forschen an unterschiedlichen Stellen desselben Problems, doch in einem Punkt treffen sich ihre Perspektiven: Fortschritt entsteht nicht allein durch neue Technologien. Ebenso entscheidend sind die Bedingungen, unter denen Forschung stattfindet. Für Martina Lutz beginnt diese Diskussion bereits bei der Entwicklung neuer Therapien. Innovative Ansätze müssen nicht nur wirksam sein, sondern auch herstellbar, bezahlbar und logistisch umsetzbar. Gerade moderne Immuntherapien zeigen, wie anspruchsvoll diese Balance ist. Entscheidend sei, sagt Lutz, das richtige Verhältnis zwischen Breite und Präzision zu finden: „Es wird wichtig sein, die Balance zu finden zwischen ‚off-the-shelf‘-Medikamenten, die vielen schnell helfen können, und personalisierten Ansätzen, die sehr präzise sind, aber oft aufwendiger.“ Laura Hinze lenkt den Blick stärker auf die Grundlagen der Forschung. Viele therapeutische Durchbrüche gehen auf Erkenntnisse zurück, die ursprünglich aus reiner Neugier entstanden sind. Die eigentliche Weichenstellung liege deshalb schon heute in der Forschungsförderung, betont Hinze: „Die wichtigste Entscheidung betrifft vielleicht eine sehr einfache Frage: Haben wir den Mut, langfristig in translational ausgerichtete Grundlagenforschung zu investieren?“
Gerade scheinbar grundlegende Fragen – etwa wie Zellen mit Nährstoffmangel umgehen oder auf Stress reagieren – haben sich in der Krebsforschung immer wieder als entscheidend erwiesen, um Therapieresistenzen zu verstehen. Ohne diesen langen Atem, so wird in beiden Perspektiven deutlich, bleiben technologische Fortschritte Stückwerk.


Eine Konstante bleibt


So sehr sich Technologien, Methoden und Therapien verändern, eine Konstante bleibt: Biologie ist komplex, und wissenschaftlicher Fortschritt verläuft selten geradlinig.
„Auch in einer hoch technologisierten Medizin wird Forschung weiterhin von Neugier, Beobachtung und manchmal auch von unerwarteten Entdeckungen leben“, sagt Hinze. Die Medizin des Jahres 2075 beginnt deshalb vermutlich genauso wie die von heute: mit einer einfachen Frage im Labor: Warum verhält sich eine Zelle genau so – und nicht anders? 

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