Forschung hilft

Von der therapeutischen Hoffnungslosigkeit zur kurativen Behandlung: Ein Rückblick auf 50 Jahre Krebsforschung.


AUTOR Prof. Dr. Hermann Einsele und Dr. Christina Bock


Forschung hilft

Von der therapeutischen Hoffnungslosigkeit zur kurativen Behandlung: Ein Rückblick auf 50 Jahre Krebsforschung.


AUTOR Prof. Dr. Hermann Einsele und Dr. Christina Bock


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Als bei Wilhelm Sanders Haushälterin Anfang der 1950er Jahre ein Multiples Myelom diagnostiziert wurde, waren die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt. Die Frau starb innerhalb kurzer Zeit an der bösartigen Erkrankung. Krebs galt früher als Schicksal, dem man nicht entkommen konnte und über das man schwieg. Inzwischen hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Die Krebsmedizin hat sich insbesondere in den vergangenen 50 Jahren enorm weiterentwickelt: Molekulare und zelluläre Prozesse werden zunehmend verstanden und können gezielt beeinflusst werden. Dank innovativer Therapien und frühzeitiger Diagnostik ist Krebs heute in vielen Fällen kein „Todesurteil“ mehr, sondern gilt als behandelbare, häufig sogar heilbare Erkrankung. Dies ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung.
Einen entscheidenden Wendepunkt markierte der National Cancer Act in den USA – der Beginn des „War on Cancer“. 1971 unterzeichnete der damalige US-Präsident Richard Nixon das Gesetz, das umfangreiche Mittel für die molekularbiologische Krebsforschung bereitstellte und in den folgenden Jahren zu bedeutenden Fortschritten führte. Etwa zur gleichen Zeit entstanden in Deutschland die ersten klinischen Schwerpunktzentren für onkologische Versorgung und Forschung, getragen von Universitätskliniken und dem Deutschen Krebsforschungszentrum.
Seitdem wurden entscheidende Erkenntnisse über die molekularen Grundlagen von Krebs gewonnen: Forschende entdeckten Gene, die das Zellwachstum fördern oder hemmen, und identifizierten Signalwege, über die Zellen miteinander kommunizieren. Es zeigte sich, dass Erbgutveränderungen Krebs auslösen können, insbesondere Mutationen in Onkogenen und Tumorsuppressorgenen – also in Genen, die unter anderem die Zellteilung regulieren. Beispiele dafür sind das 1979 erstmals beschriebene TP53-Gen, eines der am häufigsten mutierten Gene in menschlichen Tumoren, oder das BCR-ABL-Fusionsgen, welches durch Umlagerung von genetischem Material (Translokation) entsteht und eine der ersten Zielstrukturen für die Präzisionsmedizin wurde.

Gezielt gegen Krebs dank Präzisionsmedizin

Mit dem wachsenden biologischen Verständnis entwickelte sich auch die Krebstherapie weiter. Während die Behandlung zuvor vor allem aus chirurgischen Eingriffen, Strahlentherapie und relativ unspezifischen Chemotherapien bestand, wurden in den 1980er Jahren die ersten zielgerichteten Therapien getestet. Diese Medikamente richten sich gegen Strukturen, die für das Tumorwachstum wichtig sind, etwa veränderte Eiweiße in Tumorzellen. So sollen gesunde Zellen weitgehend verschont bleiben. Ein Beispiel ist der monoklonale Antikörper Trastuzumab, der in der EU seit 2000 zur Behandlung von Brustkrebs zugelassen ist und HER2-Rezeptoren blockiert. Gleichzeitig werden heute bei vielen Krebsarten klassische Therapieformen wie Operation, Strahlen- und Chemotherapie gezielt kombiniert, um die Wirksamkeit in interdisziplinären Konzepten zu erhöhen. Die Behandlungen werden dann in Tumorboards, Tumorzentren oder onkologischen Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Centers) unter Einbindung verschiedener Spezialistinnen und Spezialisten umgesetzt.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Immuntherapie als ein weiterer wichtiger Bestandteil der Krebsbehandlung etabliert. Sie setzt an jenen Mechanismen an, die Krebszellen nutzen, um der Immunabwehr zu entgehen. Dabei kommen sogenannte Checkpoint-Inhibitoren zum Einsatz. Sie lösen die „Bremse“ von körpereigenen Abwehrzellen und aktivieren das Immunsystem. Ipilimumab war eines der ersten Medikamente dieser Art. Es wurde 2011 für die Therapie des fortgeschrittenen Melanoms zugelassen und führte bei einem Teil der vormals unheilbar Kranken zu langfristigem Überleben.
Die Krebsmedizin geht inzwischen noch einen Schritt weiter: Bei der CAR-T-Zelltherapie, einer personalisierten Form der Immuntherapie, werden Abwehrzellen als „lebende Medikamente“ genutzt. Patienteneigene T-Zellen werden aus dem Blut entnommen und im Labor genetisch verändert. Sie erhalten einen künstlichen Rezeptor – den chimären Antigenrezeptor (CAR) –, der Tumorzellen anhand spezifischer Oberflächenmerkmale erkennen kann. Die modifizierten Zellen werden anschließend in den Körper zurückgegeben, wo sie Krebszellen gezielt zerstören. Das Verfahren wurde 2018 in Europa für B-Zell-Neoplasien zugelassen und wird seitdem auch in Deutschland eingesetzt. Selbst für Krebserkrankte mit zuvor aussichtslosem Verlauf eröffnet es neue Perspektiven, etwa bei bestimmten Formen von Lymphomen oder Leukämien. Die CAR-T-Zelltherapie gilt als eine der innovativsten Strategien der modernen Krebsmedizin, ist jedoch technisch sehr aufwendig und wird deshalb nur in wenigen hoch spezialisierten Zentren durchgeführt.
Seit einiger Zeit treiben Forschende eine neue Form der personalisierten Immuntherapie voran: die therapeutische Krebsimpfung. Sie nutzt mRNA-Impfstoffe, die mit modernen Sequenzierungsverfahren entwickelt werden. Durch die Impfung wird das Immunsystem gezielt gegen Oberflächenstrukturen auf Tumorzellen aktiviert, sodass T-Zellen die Tumorzellen erkennen und bekämpfen können. Erste vielversprechende Ergebnisse zeigen sich vor allem für die Kombination einer Tumorimpfung mit anderen Immuntherapien, zum Beispiel mit Checkpoint-Inhibitoren beim malignen Melanom. Damit hat die Krebsmedizin eine neue Phase erreicht, in der Therapien zunehmend auf die molekularen Eigenschaften eines Tumors abgestimmt werden. 

Durch den medizinischen Fortschritt haben sich die Überlebenschancen von Krebserkrankten deutlich verbessert. Vor rund 50 Jahren war weniger als die Hälfte der Betroffenen fünf Jahre nach einer Krebsdiagnose noch am Leben. Derzeit beträgt die mittlere Fünf-Jahres-Überlebensrate in Deutschland 65 Prozent bei Frauen und 61 Prozent bei Männern. Bei bestimmten Krebsarten, etwa dem malignen Melanom oder Schilddrüsenkrebs, liegt der Wert deutlich höher. Diese Entwicklung ist nicht nur auf moderne Therapien zurückzuführen – auch Fortschritte in Diagnostik und Früherkennung spielen eine entscheidende Rolle.

Von der Biopsie zur Hightech-Diagnostik

In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Krebsdiagnostik grundlegend geändert: Früher war sie auf einfache Bildgebung und Biopsien beschränkt, heute kommen modernste Technologien zum Einsatz. So lassen sich Tumoren nicht nur früher erkennen, sondern auch präziser charakterisieren. Das ermöglicht individuell zugeschnittene Therapien und verbessert die Prognose vieler Patientinnen und Patienten.

Die Computertomografie und die Magnetresonanztomografie, die in den 1970er Jahren eingeführt wurden, gehören noch immer zu den wichtigsten Untersuchungsmethoden in der Krebsmedizin. Ergänzt werden sie heute durch molekulare Verfahren, die genetische Mutationen und Tumor-Biomarker identifizieren. Tests auf Mutationen in Genen wie BRCA1/2 bei Brustkrebs ermöglichen nicht nur eine genauere Risikoeinschätzung, sondern liefern auch Hinweise für die Auswahl gezielter Therapien. Die Liquid Biopsy, die derzeit in Studien erprobt wird, erlaubt den Nachweis zirkulierender Tumor-DNA im Blut oder in anderen Körperflüssigkeiten und kann zur Überwachung einer Krebserkrankung genutzt werden. Außerdem kommt zunehmend Künstliche Intelligenz zum Einsatz, etwa bei der Auswertung medizinischer Bilddaten, der Zusammenführung riesiger Mengen an klinischen Labordaten oder der Vorhersage von Krankheitsrisiken. 

Krebs vorbeugen und früh erkennen

Neben Therapie und Diagnostik rückt auch die Prävention immer stärker in den Fokus. Die epidemiologische Forschung der vergangenen Jahre zeigt: Beim persönlichen Krebsrisiko haben wir vieles selbst in der Hand. So hängen bestimmte Krebsarten mit Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, UV-Strahlung oder Übergewicht zusammen. Schätzungsweise 38 Prozent aller neu diagnostizierten Krebsfälle sind einer Studie zufolge auf 30 beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen und könnten entsprechend verhindert werden. Neben Lebensstiländerungen können Impfungen gegen krebsauslösende Viren effektiv zur Risikoreduktion beitragen. 2006 wurde beispielsweise in Deutschland der erste Impfstoff gegen das humane Papillomvirus (HPV) zugelassen. Heute zeigt sich: Die HPV-Impfung kann Gebärmutterhalskrebs und dessen Vorstufen wirksam vorbeugen. 

Weil sich Krebs nicht vollständig verhindern lässt, ist die Früherkennung besonders wichtig. Screening-Maßnahmen ermöglichen es, Tumoren in einem frühen, oft noch gut behandelbaren Stadium zu entdecken. In Deutschland zählen dazu vor allem das 2005 flächendeckend eingeführte Mammografie-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs sowie das Darmkrebs-Screening, etwa mittels Koloskopie. Studien bestätigen, dass Menschen, die regelmäßig an diesen Programmen teilnehmen, ein deutlich geringeres Risiko haben, an Brust- oder Darmkrebs zu sterben.

Freiräume durch Forschungs­förderung

Wie wäre die Krebserkrankung bei Sanders Haushälterin wohl heute verlaufen? Noch 2004 betrug die mittlere Überlebenszeit bei einer Myelomdiagnose nur etwa vier Jahre. Seitdem ist die Therapie deutlich wirksamer geworden: Mehr als 15 neue Medikamente wurden zur Behandlung des multiplen Myeloms entwickelt; die Kombination von Präzisionsmedizin, Immuntherapie und Stammzelltherapie hat die Behandlung kontinuierlich verbessert. Mit der aktuellen Erstlinientherapie kann bei Myelompatientinnen und -patienten ein krankheitsfreies Überleben von mehr als 17 Jahren und bei vielen Betroffenen eine Heilung erzielt werden. Neue Immuntherapien wie T-Zell-aktivierende Antikörper oder CAR-T-Zellen ermöglichen sogar bei einem Rückfall noch kurative Ansätze. Sanders Haushälterin hätte heute also gute Überlebenschancen.
Diese Fortschritte sind kein Zufallsprodukt einzelner Durchbrüche, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Forschung. Dennoch steht die Krebsmedizin weiterhin vor Herausforderungen: Tumorzellen können sich genetisch verändern und dadurch auf die Behandlung nicht mehr ansprechen. Auch die hohe genetische Vielfalt innerhalb eines Tumors erschwert oftmals die Therapie. Nur durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich Hürden wie diese überwinden.
Eine langfristig angelegte, unabhängige Forschungsförderung treibt die notwendige Grundlagen- und Therapieforschung voran und schafft dafür wissenschaftliche Freiräume. Hier kommt gemeinnützigen Förderinstitutionen wie der Wilhelm Sander-Stiftung eine Schlüsselrolle zu. Die finanzielle Unterstützung ermöglicht Forschung jenseits kurzfristiger Logiken, sodass sich auch künftig neue Therapieoptionen eröffnen können – für das Multiple Myelom ebenso wie für andere Krebserkrankungen. 

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