Mäzenatentum: eine wesentliche Säule der Forschungsförderung
Warum private Förderung mehr ist als ein Notbehelf
AUTOR Ernst G. Wittmann
Mäzenatentum: eine wesentliche Säule der Forschungsförderung
Warum private Förderung mehr ist als ein Notbehelf
AUTOR Ernst G. Wittmann
Wenn über Mäzenatentum und private Wissenschaftsförderung gesprochen wird, fällt oft ein Wort besonders schnell: Lücke. Private Förderung erscheint dabei als das, was einspringt, wenn staatliche Mittel nicht reichen – ein Notbehelf, eine hilfreiche, aber im Grunde doch sekundäre Ergänzung. Diese Sichtweise ist bequem für den politischen Diskurs. Aber sie ist falsch.
Sie ist falsch, weil sie die strukturelle Eigenständigkeit privater Wissenschaftsförderung verkennt. Dabei ist es wichtig, genauer zu sein: Mäzenatentum – die großzügige, risikofreudige Förderung von Kunst, Wissenschaft und Kultur durch Einzelne – und institutionalisierte Stiftungen sind nicht dasselbe. Stiftungen sind rechtlich eigenständige Organisationen mit eigenem Vermögen und Satzung, während Mäzenatentum ein Verhalten ist – oft persönlich, manchmal punktuell. Die Wilhelm Sander-Stiftung ist beides: Sie verkörpert die Geisteshaltung des Mäzenatentums (mutig, risikofreudig, langfristig orientiert), aber in der institutionellen Form einer Stiftung – was bedeutet, dass diese Haltung nicht an eine Person gebunden ist, sondern dauerhaft verankert bleibt. Und eben das ist der Punkt: Eine Stiftung wie die Wilhelm Sander-Stiftung kann dort wirksam werden, wo der moderne Forschungsstaat – mit seinen Evaluierungs- und Haushaltszwängen, Projektzyklen und strategischen Priorisierungen – an seine strukturellen Grenzen stößt: für langfristige Fragen ohne rasche Verwertbarkeit, für echtes Risiko im Sinne des ‚High Risk–High Reward‘, für wissenschaftliche Freiheit dort, wo weder Output noch Outcome einfach messbar sind. Das ist der Ort, wo private Förderung ihre eigentliche Aufgabe findet. Als bewusste Gegenposition zu kurzfristiger Steuerung. Eine institutionalisierte Stiftung ermöglicht es, genau dort zu fördern, wo der Staat strukturell an Grenzen stößt – und eröffnet damit einen Freiraum, den es braucht, damit Wissenschaft ihre transformative Kraft entfalten kann. Der Nobelpreisträger und Hirnforscher Prof. Dr. Thomas Südhof, lange Jahre an der Stanford University tätig, beschreibt diesen Unterschied prägnant:
Die Flexibilität, die eine Stiftung bereiten kann, ist ein extrem wichtiges Komplement zu einer viel bürokratischeren staatlichen Finanzierungsmethode.



Wie groß der Abstand zur US-amerikanischen Forschungs-Philanthropie tatsächlich ist, macht Prof. Dr. Josef Puchta, ehemaliger kaufmännischer Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und Leiter der privaten Forschungsförderung des DKFZ in Heidelberg, mit einer konkreten Zahl deutlich:
Die drei bis vier relevanten wissenschaftlichen Wettbewerber des DKFZ an der US-amerikanischen Ostküste generieren, über die Grundfinanzierung hinaus, etwa 100 bis 150 Millionen Dollar pro Jahr von privater Seite. Davon sind wir sehr deutlich entfernt.
Diese Flexibilität ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit – und sie wird in Zukunft noch wichtiger. Denn während Deutschland bislang von einem starken öffentlichen Forschungssystem ausgehen konnte, zeigen sich beunruhigende Tendenzen: In vielen Ländern, insbesondere in den USA, wurden öffentliche Forschungsmittel kontinuierlich reduziert. Was dort bereits Realität ist, könnte auch Deutschland ereilen. Ich bin überzeugt: Es wird auch in Deutschland zu verstärkter privater Förderung kommen, da die öffentlichen Gelder in Zukunft immer mehr zurückgefahren werden, wie es bereits heute in den USA zu sehen ist. Das ist kein Grund zur Handlungslähmung, sondern ein Anlass zur bewussten strategischen Vorbereitung. Die Wilhelm Sander-Stiftung hat diese Erkenntnis über Jahrzehnte praktiziert: Wir unterstützen Projekte, die manchmal 15 oder 20 Jahre dauern, bevor sie therapeutische Konsequenzen zeigen, und trauen uns an Vorhaben heran, deren Erfolg nicht garantiert ist. Das ist nicht die Funktion eines ‚Lückenfüllers‘ – das ist die Funktion eines verantwortungsvollen, eigenständigen Akteurs im Förderwesen. Auch Josef Puchta warnt vor einer zu engen Lesart privater Förderung:
Es wäre zu kurz gesprungen, wenn versucht würde, private Mittel als Lückenfüller einzuwerben. Private Förderung sollte einer Forschungseinrichtung ermöglichen, vorhandenes Gutes auszubauen, neue Felder aufzugreifen und junge Talente zu fördern. Von daher ist die private Forschungsförderung eine strategische Ergänzung und keine Substitution zu öffentlichen Mitteln.



Das deutsche Stiftungsmodell unterscheidet sich dabei bewusst von manchen Ansätzen in der US-Philanthropie. Während dort Großspender und Stiftungen oft im Fokus stehen – Gebäude tragen ihre Namen, und die Sichtbarkeit ist hoch – verstehen sich deutsche Förderstiftungen traditionell als diskrete Partner der Wissenschaft, die ‚Inseln des Gelingens‘ schaffen, ohne die öffentliche Verantwortung zu ersetzen. Diese Bescheidenheit ist keine Schwäche. Sie ist eine Stärke: Sie ermöglicht langfristige Partnerschaft auf Augenhöhe, ohne dass private Interessen oder Reputation in den Vordergrund rücken. Gleichwohl ist es wichtig, die Bedeutung privater Stiftungen klar auszusprechen. Gerade für ein Land wie Deutschland mit einem traditionell starken öffentlichen Forschungssystem ist der Fehler schnell gemacht, private Förderung als marginal zu sehen. Aber wie Thomas Südhof mit Blick auf die USA konstatiert:
Ohne diese Stiftungen, ohne die Philanthropie in den USA, würde die Wissenschaft hier extrem leiden.
Josef Puchta ergänzt einen oft unterschätzten Mechanismus: Private Mittel können nicht nur direkt wirken, sondern auch als Hebel dienen, um zusätzliche öffentliche Gelder zu mobilisieren. Und mit Blick auf die nächste Generation der Förderbegeisterten gilt:
Gerade die jüngere Generation der Unterstützer legt sehr viel Wert darauf, zu wissen, was mit ihrer Unterstützung gemacht wird und wie die Gelder eingesetzt werden.



Es braucht, so Josef Puchta, neben der staatlichen auch eine private Verantwortungskultur für Wissenschaft und Forschung – von der in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland ein Großteil der Zukunft abhängt. Das erfordert von privaten Stiftungen nicht, die staatliche Forschungsförderung zu ersetzen. Im Gegenteil: Stiftungen brauchen einen starken öffentlichen Sektor, um ihre Funktion überhaupt erfüllen zu können. Sie sind Ergänzung – aber nicht im Sinne eines Notbehelfs, sondern im Sinne einer notwendigen Pluralität von Förderlogiken. Wo der Staat kurzfristig und strategisch steuert, kann die Stiftung langfristig und explorativ arbeiten. Wo öffentliche Mittel auf Kontinuität und Breite ausgerichtet sind, können private Mittel Innovation und Risiko ermöglichen. Diese Komplementarität ist nicht zufällig; sie ist systemisch.
Die Wissenschaft der Zukunft braucht diese Pluralität: die strategische Stabilität des Staates ebenso wie die Freiheit, Risikobereitschaft und langfristige Perspektive, die nur institutionalisierte Stiftungen mit mäzenatischer Geisteshaltung bieten können. Beides zusammen – nicht eines statt des anderen – macht eine starke Forschungslandschaft aus. In genau dieser Rolle – als eigenständiger, verantwortungsvoller Akteur, nicht als Lückenfüller – wünschen wir uns, auch in den kommenden Jahren das Vertrauen der Wissenschaft und der Gesellschaft zu bewahren.


