Wilhelm Magazin Logo

Vom Jahrhundert geprägt

Wilhelm Sander, der historische Kontext
und die Entstehung einer Stiftung


AUTOR Ernst G. Wittmann


Pfeil Navigation
Wilhelm Magazin Logo

Vom Jahrhundert geprägt

Wilhelm Sander, der historische Kontext
und die Entstehung einer Stiftung


AUTOR Ernst G. Wittmann


Pfeil Navigation

Zurück zum Inhalt

Nächster Artikel

Ein Leben im Strom der Geschichte

Wer Wilhelm Sander verstehen will, muss das Jahrhundert verstehen, das ihn formte. Er wurde 1897 in Roth bei Nürnberg als Sohn eines Arztes und Enkel eines Kalkwerkunternehmers geboren; zwei Lebensläufe, die jeweils auf ihre Weise zeigten, was unternehmerische Energie und Beharrlichkeit in einer Zeit rasanten Wandels bedeuten konnten. Die Industrialisierung hatte das fränkische Bürgertum erfasst, Eisenbahnlinien erschlossen das Land, Städte wuchsen und neue Wirtschaftszweige entstanden. Sander wuchs in einem Milieu auf, das Leistung und Eigenverantwortung nicht als Ideal, sondern als gelebte Praxis kannte.

Doch die erste Hälfte seines Lebens war weniger von Aufstieg als von Behauptung geprägt. Der frühe Tod des Vaters 1916, die Frontjahre im Ersten Weltkrieg im Elsass und der Verlust des Familienvermögens in der Hyperinflation von 1923 waren einschneidende Erlebnisse für einen jungen Mann in einer entscheidenden Lebensphase. Sander hatte zu diesem Zeitpunkt mehrere Studienanfänge hinter sich: Landwirtschaft in Hohenheim, Handelswissenschaften in Nürnberg, wo er kurzzeitig mit Ludwig Erhard im selben Studienjahr war, und schließlich Staatswissenschaften in Erlangen. Er war kein Zögernder, sondern ein Suchender nach dem eigenen Weg in einer Welt, die selbst keine festen Koordinaten mehr kannte.

Die Inflation des Jahres 1923 wurde zu seiner eigentümlichen Lehrmeisterin. Während sie das Bürgertum weitgehend ruinierte, offenbarte sie dem, der hinzuschauen verstand, die brutalste und zugleich klarste Lektion der Marktwirtschaft: dass Sachwerte beständig sind, wenn Papierwährungen zerfallen und unternehmerisches Handeln in der Krise nicht trotz, sondern wegen der Unsicherheit seine höchste Wirkung entfaltet. Sander wurde Zeuge, wie Entschlossenheit und Mut zum Risiko denjenigen begünstigten, die bereit waren, zu handeln, wenn andere zögerten.

Der Unternehmer: Mut zur Selbständigkeit

Noch im Oktober 1923, mitten im Höhepunkt der Inflation und bei einer Arbeitslosigkeit, die in seiner Heimatstadt Nürnberg das 25-fache des Vorkriegsniveaus erreicht hatte, gründete Wilhelm Sander seine erste Firma, die Vogtländische Saitenfabrik GmbH. Dies war kein leichtsinniger Schritt, sondern ein bewusster – und einer, der Charakter zeigt. Sander hatte kein abgeschlossenes Studium, kein ererbtes Vermögen mehr und auch keine familiären Kontakte in der Industrie. Was er besaß, waren kaufmännisches Geschick, das er sich als Handelsvertreter erarbeitet hatte, sowie die Bereitschaft, eine Gelegenheit zu ergreifen, wo andere nur Risiken sahen.

Aus dieser eher kleinen Nürnberger Hinterhoffirma heraus entwickelte Sander schrittweise ein Unternehmen von nationalem Gewicht. 1927 erwarb er den Namen und die Struktur der Firma Dr. Ruhland, einer Aktiengesellschaft, die vor dem Konkurs stand, und machte sie zum Rückgrat seines unternehmerischen Lebens. Die Firma Dr. Ruhland Nachfolger spezialisierte sich auf Sterilcatgut, also chirurgisches Nahtmaterial aus Schafsdärmen, das in der damaligen Medizin unersetzlich war.

Als der Zweite Weltkrieg die Nürnberger Fabrik zerstörte, bewies Sander erneut seine unternehmerische Flexibilität. Er stimmte der Verlegung seines Betriebs nach Neustadt an der Donau zu und baute ihn dort unter schwierigsten Bedingungen neu auf – mit Behördengenehmigungen, die er eigensinnig vorantrieb und mit einer Zähigkeit, die auch staatliche Widerstände überwand. Nach der Währungsreform 1948 folgte ein zweites großes Kapitel seines wirtschaftlichen Lebens: der systematische Aufbau eines Immobilienportfolios, das er mit dem Gespür eines erfahrenen Krisenmanagers gerade dann anlegte, als andere noch zögerten. Die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre war für ihn kein Schicksal, sondern eine Chance.

Vermögen als Verantwortung: Die Stiftung als konsequente Schlussfolgerung

Wilhelm Sander hatte keine Kinder. Er hatte keinen Erben, dem er seinen Nachlass vollständig hätte anvertrauen wollen. Was er hatte, war ein Vermögen, das er in einem langen Leben unternehmerischer Arbeit aufgebaut hatte sowie eine Bildung, die ihn gelehrt hatte, Geld nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern als Ergebnis von Leistung, das eine Form der Weitergabe verdiente. Seine Studienzeit an der Handelshochschule Nürnberg hatte ihn mit dem Gedankengut einer Ökonomie vertraut gemacht, die wirtschaftliches Handeln im volkswirtschaftlichen Zusammenhang verstand. Sein Lehrer Wilhelm Rieger, der Gründungsrektor der Hochschule, hatte gepredigt, dass Geldverdienen kein unedles Motiv sei, aber eben auch nicht das Entscheidende.

Bemerkenswerterweise war Sander schon als Kind mit dem Gedanken der Stiftung in Berührung gekommen. Sein Vater hatte einen Teil seines Gehalts als Arzt in Roth aus dem Vermögen der Städtler’schen Stiftung bezogen, einer Wohltätigkeitsstiftung aus dem 18. Jahrhundert. Später, als er selbst Unternehmer war, bewegte er sich in der Medizinbranche  – jener Welt, aus der heraus Generationen von Forschenden und Klinikern die Grundlagen der modernen Heilkunde geschaffen hatten. Vor diesem Hintergrund ist es keine zufällige Entscheidung, dass er sein Vermögen einer Einrichtung widmete, die medizinische Forschung fördern sollte. Zusammen mit dem unmittelbar erlebten, raschen Krebstod seiner langjährigen Haushälterin Lina Burkhardt wächst die Entscheidung aus seiner Biografie heraus.

Sander war kein Philanthrop im klassischen Sinne. Er war kein Mann, der sein Leben dem sozialen Engagement gewidmet hatte oder dessen Name mit karitativen Projekten verbunden war. Er war ein fränkischer Unternehmer: nüchtern, strategisch, mit Sinn für das Machbare und dem Instinkt des Kaufmanns. Aber eben dieser Instinkt ließ ihn wissen, dass ein Vermögen, das kein Ziel mehr hat, sein eigenes Ende sucht. Die Stiftung, die nach seinem Tod am 31. Dezember 1973 aus seinem Erbe hervorging, war somit die letzte und konsequenteste unternehmerische Entscheidung seines Lebens: die Entscheidung, dem angesammelten Kapital eine dauerhafte Richtung zu geben.

Forschung bindet Vertrauen – von Förderern, Kolleginnen und der Öffentlichkeit. Wo spüren Sie diese Verantwortung im wissenschaftlichen Alltag? 

Experimentelles Forschen in unserer Disziplin, der Ultrakurzzeit-Laserphysik, kostet Geld. Wir achten sehr darauf, die finanziellen Mittel, die uns ja in der Regel die Steuerzahler zur Verfügung stellen, so effizient wie möglich einzusetzen. Ebenso fühlen wir uns verpflichtet, unsere Forschung so verlässlich wie möglich zu validieren. Das heißt, wir überprüfen unsere Ergebnisse akribisch, bevor wir sie zur Veröffentlichung freigeben. Denn das neue Wissen, das wir publizieren, ist ja wiederum die Grundlage dafür, weiteres Wissen zu generieren zum Wohl der Allgemeinheit. Wir fühlen uns auch verpflichtet, neben wissenschaftlichen Publikationen, die in an die Fachwelt gerichtet sind, auch die breite Öffentlichkeit in angemessener Form zu informieren. Über unsere photonworld.de Website, über unsere Presseaussendungen, aber regelmäßig auch über Vorträge, die an die allgemeine Öffentlichkeit gerichtet sind.

Eine Haltung, die wirkt

Die Wilhelm Sander-Stiftung zählt heute zu einer der bedeutendsten medizinischen Forschungsfördereinrichtungen für Förderungen in Deutschland und der Schweiz. Dass dies möglich war, ist ein Verdienst derer, die sie nach dem Tod von Sander aufbauten und seither begleiten. Das Vermögen, das Sander über Jahrzehnte hinweg in Firma, Gebäuden und Grundstücken akkumulierte, war kein zufälliges Ergebnis günstiger Umstände. Es war das Produkt unternehmerischer Konsequenz unter den schwierigsten historischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts.

Von der Inflationskrise 1923 bis zur Währungsreform 1948, vom Wiederaufbau in der Provinz bis zum Aufbau eines überregionalen Immobilienportfolios: Wilhelm Sander handelte stets, wenn Handeln möglich war und bewies damit, dass Unternehmertum nicht nur eine ökonomische Kategorie ist, sondern Haltung. Eine Haltung, die dem Wandel nicht ausweicht, die ihn vielmehr als Raum für Gestaltung wahrnimmt.

Die Stiftung, die seinen Namen trägt, setzt diese Haltung fort – nicht als Museumsstück, sondern als lebendige Einrichtung, die heute Forschung ermöglicht, die das Wissen über (Krebs-)Krankheiten erweitert und Leben verlängert. In diesem Sinne ist Wilhelm Sander nicht nur von seinem Jahrhundert geprägt worden. Er hat, mit den Mitteln, die ihm sein Jahrhundert gab, etwas hinterlassen, das über sein Jahrhundert hinauswirkt.

Nächster Artikel

Privacy Preference Center