Was gute Forschung ausmacht
EIN INTERVIEW MIT Prof. Dr. Christine Engeland & Prof. Dr. Florian Greten
Was gute Forschung ausmacht
EIN INTERVIEW MIT Prof. Dr. Christine Engeland & Prof. Dr. Florian Greten
Was entscheidet darüber, ob ein Forschungsprojekt als „gut“ gilt? Welche Rolle spielen Kriterien, Erfahrung und fachliche Einschätzung in der Begutachtung? Und wie lässt sich Qualität bewerten, wenn Ergebnisse per Definition noch offen sind? Seit 2010 hat Prof. Florian Greten 69 Förderanträge für die Wilhelm Sander-Stiftung begutachtet. Prof. Christine Engeland ist seit 2018 als Gutachterin tätig und hat seither 14 Anträge geprüft. Beide kennen die Begutachtung aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten und wissen, wie stark Forschung von sorgfältigen, fairen Entscheidungen abhängt.
Greten, international ausgewiesener Krebsforscheram Georg-Speyer-Haus in Frankfurt, ist seit vielen Jahren in nationalen und europäischen Evaluationsgremien aktiv. Engeland, Biowissenschaftlerin an der Universität Leipzig, forscht zu Immuntherapien gegen Krebs. Beide stehen regelmäßig auf beiden Seiten des Systems – als Antragstellende und als Gutachtende. Im Jubiläumsjahr der Stiftung sprechen sie im Doppelinterview über die Logik von Evaluation, den Umgang mit Risiko, veränderte Anforderungen an Daten und Methoden und darüber, was sie von Antragstellenden tatsächlich erwarten.
Woran erkennen Sie einen wirklich guten Antrag?
CE Für mich steht das Arbeitsprogramm im Zentrum. Ich lese sehr genau: Ist es klar formuliert? Logisch aufgebaut? Realistisch geplant? Ein gutes Projekt erkennt man daran, dass die einzelnen Schritte nachvollziehbar aufeinander aufbauen und sich aus der Fragestellung zwingend ergeben. Ich frage mich beim Lesen immer: Würde ich als Außenstehende verstehen, warum genau dieser nächste Schritt folgt? Sind Kontrollen mitgedacht? Ist erkennbar, dass mögliche Probleme reflektiert wurden? Wenn ich merke, dass jemand nicht nur eine Idee formuliert, sondern sie methodisch sauber durchdrungen hat, dann überzeugt mich das.
FG Ich beginne eher beim übergeordneten Kontext. Ist die Fragestellung relevant für das Feld? Wird hier tatsächlich ein offenes Problem adressiert oder bewegt man sich in einem Bereich, in dem der Erkenntnisgewinn nur kleine Fortschritte bringt? Das lässt sich oft relativ schnell einschätzen, gerade wenn man ein Fachgebiet über viele Jahre begleitet hat. Ich frage mich: Wenn dieses Projekt erfolgreich ist – verändert es etwas? Bringt es uns inhaltlich weiter?
Was ist für Sie nicht verhandelbar?
FG Eine klare Fragestellung. Wenn man das Projekt nicht in zwei oder drei Sätzen erklären kann, fehlt häufig der Fokus. Und es muss realistisch sein. Ambition ist wichtig – aber sie muss zum Förderzeitraum passen.
CE Ich achte besonders auf das Fundament: Gibt es belastbare Vorarbeiten? Ist das methodisch sauber durchdacht? Und selbstverständlich müssen ethische Standards eingehalten werden. Das steht außer Frage.


Forschung ist immer unsicher. Wie viel Risiko ist akzeptabel?
FG Ohne Risiko gibt es keine neue Erkenntnis. Forschung bedeutet per Definition, dass das Ergebnis offen ist. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Projekt riskant ist, sondern welcher Art dieses Risiko ist. Wenn eine Fragestellung wissenschaftlich relevant ist und das Ergebnis ungewiss bleibt, ist das völlig normal – genau darum geht es ja. Kritischer sehe ich es, wenn grundlegende Methoden noch nicht etabliert sind oder zentrale technische Schritte auf Annahmen beruhen, die nicht abgesichert sind. Dann verschiebt sich das Risiko vom Erkenntnisgewinn hin zur Umsetzbarkeit. Und man muss den Rahmen berücksichtigen. Ein zweijähriges Projekt kann nicht denselben Risikograd tragen wie ein langfristig angelegtes Großprojekt. Förderzeitraum und Erwartungshorizont müssen zusammenpassen.
CE Für mich ist entscheidend, wie bewusst mit Risiko umgegangen wird. Wird klar benannt, wo Unsicherheiten liegen? Sind mögliche Stolpersteine reflektiert? Und gibt es Alternativstrategien, falls ein zentraler Ansatz nicht funktioniert? Wenn jemand schreibt: „Das ist sehr innovativ und daher riskant“, reicht mir das nicht. Ich möchte sehen, dass dieses Risiko analysiert wurde und dass man sich Gedanken gemacht hat, was passiert, wenn Hypothese A nicht bestätigt wird oder Methode B nicht funktioniert. Ein Projekt darf ambitioniert sein. Aber es sollte zeigen, dass jemand nicht ins Ungewisse läuft, sondern mit offenen Augen plant.
FG Genau. Gute Forschung heißt nicht, dass alles abgesichert ist. Aber sie zeigt, dass die Unsicherheit Teil eines durchdachten Konzepts ist und nicht aus methodischer Unklarheit entsteht.
Warum scheitern Anträge trotz guter Idee?
CE Wenn die innere Logik nicht trägt, überzeugt es mich nicht. Das lässt sich aber häufig verbessern. Ich habe mehrere Fälle erlebt, in denen überarbeitete Anträge deutlich stärker waren.
FG Ich sehe häufig zwei Extreme: technisch saubere Projekte mit wenig Neuheitswert. Oder sehr ambitionierte Programme, die in der vorgesehenen Zeit kaum realistisch umsetzbar sind – gerade bei jüngeren Forschenden.


Hat sich Ihr Blick auf Anträge in den letzten Jahren verändert?
FG Die methodischen Möglichkeiten haben sich stark weiterentwickelt. In der Onkologie ist der Anspruch gestiegen, mit primärem Patientenmaterial zu arbeiten. Das beeinflusst, was wir heute als aussagekräftig bewerten.
CE Und große Datenmengen spielen eine größere Rolle. Datenmanagement und Datensicherung werden genauer geprüft als früher. Die grundlegenden Kriterien sind jedoch gleich geblieben.
Spüren Sie den Einfluss von Künstlicher Intelligenz?
FG Bei Manuskripten merkt man den sprachlichen Effekt deutlich. Bei Förderanträgen weniger. Ein tragfähiges Konzept entsteht nicht durch ein Tool, sondern durch gründliche Vorbereitung.
CE Manchmal wirkt der Stand der Forschung sehr glatt formuliert. Entscheidend ist für mich aber die innere Logik. Gute Sprache ersetzt keine klare Argumentation.
Warum engagieren Sie sich als Gutachter:innen?
FG Weil es Teil des Systems ist. Wer selbst Drittmittel erhält, sollte auch bereit sein, Anträge zu begutachten. Wissenschaft funktioniert nicht ohne dieses Prinzip der Gegenseitigkeit. Sich daran zu beteiligen, ist für mich keine Zusatzaufgabe, sondern Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit.
CE Ich sehe das ähnlich, aber ich empfinde es auch als Gestaltungsmöglichkeit. Als Gutachterin kann ich mitentscheiden, welche Ideen weiterverfolgt werden, welche Fragestellungen Priorität bekommen. Man trägt dazu bei, wissenschaftliche Entwicklungen mitzuformen. Natürlich ist das eine Verantwortung. Man muss Argumente sorgfältig abwägen, Kritik begründen und transparent formulieren. Aber genau darin liegt auch der Reiz: nicht nur zu forschen, sondern Rahmenbedingungen mitzugestalten.
FG Voraussetzung ist dabei Fairness. Eigene Interessen dürfen keine Rolle spielen. Man darf Anträge weder nach persönlichen Vorlieben noch nach strategischen Überlegungen bewerten. Es geht um die Qualität des Projekts – nicht um Netzwerke oder Konkurrenz.
Ihr Rat an Nachwuchsforschende?
FG Nicht zu viele Projekte parallel beginnen. Gerade am Anfang ist die Versuchung groß, jede Fördermöglichkeit zu nutzen, vor allem, wenn erste Anträge erfolgreich sind. Aber jede bewilligte Förderung bringt Verpflichtungen mit sich: Personal, Experimente, Berichte, Anschlussanträge. Das alles braucht Zeit und Struktur. Wer zu viel gleichzeitig startet, riskiert, sich zu verzetteln. Nachhaltiger ist es, wenige Projekte konsequent aufzubauen, solide Daten zu generieren und daraus eine klare wissenschaftliche Linie zu entwickeln.
CE Unbedingt von erfahrenen Kolleg:innen gegenlesen lassen; idealerweise auch von Personen, die nicht im selben Spezialgebiet arbeiten. Wenn jemand außerhalb des eigenen Fachzirkels die Argumentation nachvollziehen kann, ist das ein gutes Zeichen. Denn auch Gutachtende sind nicht immer exakt im selben Themenfeld. Außerdem hilft externes Feedback, blinde Flecken zu erkennen: Wo ist etwas zu selbstverständlich formuliert? Wo fehlt eine Begründung? Ein Antrag ist nicht nur ein wissenschaftliches Konzept, sondern auch eine Kommunikationsleistung. Und die wird besser, wenn mehrere Perspektiven darauf schauen.


