Portrait Ferenc

Forschungsethos – was treibt Forschende an?


EIN INTERVIEW MIT Prof. Dr. Ferenc Krausz


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Forschungsethos – was treibt Forschende an?


EIN INTERVIEW MIT Prof. Dr. Ferenc Krausz


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Ferenc Krausz ist Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Lehrstuhlinhaber (Chair Professor) am Fachbereich Physik der University of Hong Kong (HKU). Neugier ist für den Nobelpreisträger für Physik kein abstrakter Begriff, sondern persönlicher Antrieb. Schon als Kind wollte er verstehen, wie Dinge im Innersten funktionieren. Heute verschiebt er mit seiner Arbeit an ultrakurzen Laserpulsen die Grenzen des Messbaren – und sucht gezielt nach neuen Ansätzen, wenn bestehendes Wissen nicht weiterführt.

Für ihn entsteht Fortschritt dort, wo Disziplinen zusammenwirken und Kritik ernst genommen wird. Forschung bedeutet, Entscheidungen zu treffen, Hindernisse anzuerkennen und 
im Zweifel auch einen eingeschlagenen Weg zu korrigieren. Sie verlangt sorgfaltige Validierung, verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und eine klare Kommunikation gegenüber Fachwelt und Öffentlichkeit. Im Gespräch geht es daher weniger um Auszeichnungen als um Haltung: um Beharrlichkeit, Präzision und die Bereitschaft, Erkenntnis Schritt für Schritt zu erarbeiten.

Herr Professor Krausz, was motiviert Sie, sich immer wieder auf neue Forschungsfragen einzulassen, deren Ausgang offen ist? 

Ich bin ein neugieriger Mensch. Schon als Kind habe ich alte Radios auseinandergenommen, um ihr Innenleben zu erkunden. Neugierde sollte der Motor eines jeden Forschenden sein. Als Forscher oder Forscherin ist man immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer im großen Universum der Naturphänomene. Das bedeutet für uns, die Grenzen des Wissens zu verschieben und auf unbekanntes Terrain vorzustoßen. Es ist wirklich ein unglaubliches Gefühl, wenn es Ihnen eines Tages gelingt, als Erster etwas beobachten zu können, was noch kein Mensch jemals zuvor entdeckt hat. Es gibt noch genügend weiße Flecken auf der Landkarte der Naturwissenschaften. Die Aussicht Neues zu entdecken und das Wissen der Menschheit zu erweitern, ist für mich eine gewaltige Motivation.

Sie verbinden in Ihrer Arbeit verschiedene Disziplinen. Warum ist das für gute Forschung wichtig?

Wenn wir nicht an den Grenzen des Wissens rütteln und sie verschieben, würden wir auf der Stelle treten. Unsere Welt dreht sich sehr schnell, Stillstand gibt es kaum. Da braucht es für viele Herausforderungen neue Denkansätze und unkonventionelle Herangehensweisen. Wenn wir beispielsweise nach technischen oder medizinischen Lösungen nur mit vorhandenen Kenntnissen suchen, werden wir viele Herausforderungen der Zukunft wahrscheinlich nicht erfolgreich meistern. Neue Messtechniken der Physik können potenziell neue Wege für die Früherkennung von schweren Erkrankungen ermöglichen. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, muss man verschiedene Disziplinen, in unserem Fall Physik, Informatik, Medizin, zusammenwirken lassen. 

Wenn neue Ansätze kritisch diskutiert werden: Woran erkennen Sie, ob Kritik Sie weiterbringt oder eher bremst?

Kritik ist in erster Linie einmal etwas, der man sich stellen sollte, egal in welcher Position man ist. Ich lasse gern die unterschiedlichen Meinungen aus meinem Team in eine Entscheidungsfindung einfließen. Kritik lässt uns hinterfragen, ob der neue Ansatz tatsächlich so vielversprechend ist, wie er auf den ersten Blick erschien, ob er sich tatsächlich realisieren lässt oder man einen möglichen „Show-stopper“ außer Acht gelassen hat. Selbst wenn wir die vorgebrachte Kritik ausräumen, haben wir dabei etwas gelernt: miteinander in einem kritischen Dialog unsere Ziele zu verfolgen. In einem solchen Dialog sind in der Regel immer auch Vorschläge und Anregungen dabei, an die man selber vielleicht noch nicht gedacht hat, die aber gelegentlich vielversprechende Perspektiven aufzeigen. Irgendwann aber muss eine Entscheidung getroffen werden, um in eine bestimmte Richtung weitergehen zu können. Mit dieser Entscheidung muss ich dann leben und sie bei Bedarf später korrigieren.

Forschung bindet Vertrauen – von Förderern, Kolleginnen und der Öffentlichkeit. Wo spüren Sie diese Verantwortung im wissenschaftlichen Alltag? 

Experimentelles Forschen in unserer Disziplin, der Ultrakurzzeit-Laserphysik, kostet Geld. Wir achten sehr darauf, die finanziellen Mittel, die uns ja in der Regel die Steuerzahler zur Verfügung stellen, so effizient wie möglich einzusetzen. Ebenso fühlen wir uns verpflichtet, unsere Forschung so verlässlich wie möglich zu validieren. Das heißt, wir überprüfen unsere Ergebnisse akribisch, bevor wir sie zur Veröffentlichung freigeben. Denn das neue Wissen, das wir publizieren, ist ja wiederum die Grundlage dafür, weiteres Wissen zu generieren zum Wohl der Allgemeinheit. Wir fühlen uns auch verpflichtet, neben wissenschaftlichen Publikationen, die in an die Fachwelt gerichtet sind, auch die breite Öffentlichkeit in angemessener Form zu informieren. Über unsere photonworld.de Website, über unsere Presseaussendungen, aber regelmäßig auch über Vorträge, die an die allgemeine Öffentlichkeit gerichtet sind.

Gab es Momente, in denen Sie eine vielversprechende Idee bewusst beendet haben? Was war dafür ausschlaggebend?  

Wenn man sich entscheidet, eine vielversprechende Idee in die Tat umzusetzen, tut man dies von der Zuversicht getrieben, dass die Umsetzung auch gelingen kann, wohl aber im Bewusstsein, dass Unvorhersehbares uns daran hindern und das Vorhaben sogar zum Scheitern bringen kann. Je weiter wir in unerforschte Gebiete vorstoßen, umso größer ist die Gefahr, dass wir plötzlich vor einem großen Hindernis stehen. Ob das Hindernis überwindbar oder unüberwindbar erscheint, entscheidet über die Fortsetzung oder Beendigung des Weges. Je länger man den (Irr)-Weg verfolgt hat, umso schwerer fällt es einem, das Scheitern einzusehen. Einige Male ist das bereits passiert. Jedes Mal habe ich versucht, das Positive in den Vordergrund zu stellen: wertvolle neue Erkenntnisse kann man auch aus dem Scheitern gewinnen. Es zwingt uns zu einem neuen Anlauf, und dieser birgt eine neue Chance. Vielleicht für einen Weg, der wesentlich schneller zum Ziel führt. 

Heute wird Forschung oft an Tempo, Sichtbarkeit und Verwertbarkeit gemessen. Was darf dabei aus Ihrer Sicht nicht verloren gehen? 

Bei jedem noch so hohen Zeitdruck oder Tempo muss darauf geachtet werden, dass die Validierung und Konsolidierung der Forschungsergebnisse nicht zu kurz kommt. Hier haben wir eine enorme Verantwortung. Einerseits der Fachwelt bzw. Wissenschaft gegenüber, denn sie baut auf diesen Erkenntnissen auf. Sie will sich darauf verlassen, dass sie hinreichend abgesichert sind. Mindestens so groß ist unsere Verantwortung dem wissenschaftlichen Nachwuchs gegenüber. Er wird von uns lernen, wie gewissenhaft man bei der Auswertung und eventuell der Wiederholung der Experimente vorgehen muss, um sichergehen zu können, dass die Schlussfolgerungen aus den Experimenten und Berechnungen richtig sind. Unsere jungen Kolleginnen und Kollegen werden die Welt von morgen gestalten. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, dem Nachwuchs die größtmögliche Sorgfalt bei der Durchführung von Experimenten und Berechnungen, Studien und Analysen, sowie bei der Hinterfragung, Reproduzierung und Validierung der Forschungsergebnisse beizubringen!

Was sollten junge Forschende mitbringen, wenn sie langfristig ernsthafte Wissenschaft betreiben wollen?

Wenn man in der Forschung Erfolg haben möchte, dann muss man am Ball bleiben und darf niemals aufgeben. Zugegeben, manchmal ist es entmutigend, wenn man über längere Zeit zu keinen Ergebnissen kommt, aber es lohnt durchzuhalten. Diese Erfahrung habe ich oft in meinem Forscherleben machen müssen. Heutige Forschung besteht nicht nur darin, im Labor zu stehen und Wissen zu produzieren. Als Forscher arbeiten, bedeutet auch die effiziente Organisation der eigenen Arbeit oder das Einwerben einer soliden Finanzierung. Zudem ist die Kommunikation von Ergebnissen an die Öffentlichkeit ein wichtiger Aspekt. Wissenschaft sollte kommuniziert werden, um die Akzeptanz nicht zu verlieren und gerade im Zeitalter der Fake News ein wenig Verlässlichkeit zu bieten.

Und so schmerzhaft das vielleicht jetzt auch klingen mag: Manchmal muss man auf private Annehmlichkeiten verzichten und etwa Nächte im Labor verbringen, wenn es der Ergebnisfindung dient. Ich kann Ihnen diesbezüglich versichern, dass ich weiß, wovon ich rede und ich danke an dieser Stelle vor allem meiner Familie, dass sie mir immer selbstlos den Rücken freigehalten hat. 

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