Neue Krebstherapie aus alten Medikamenten

Eine akademische Arbeitsgruppe am Kantonsspital St. Gallen fand ein altes, nicht mehr gebräuchliches HIV-Medikament, dessen Einsatz in der Therapie bestimmter Tumorerkrankungen Ansprechraten erzielt, die über denen der neuesten speziell entwickelten Krebsmedikamente liegt – bei deutlich geringeren Medikamentenkosten. Nun soll der molekulare Mechanismus dieser Wirkung ergründet werden.

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Prof. Dr. Christoph Driessen, Kantonsspital St. Gallen (© C. Driessen)
Prof. Dr. Christoph Driessen, Kantonsspital St. Gallen (© C. Driessen)

Geringe Heilungschancen bei resistenten Zellen

Das Multiple Myelom ist eine häufige Form von Knochenmarkkrebs. Die überwiegende Mehrzahl der Myelompatienten verstirbt nach einigen Jahren mit verschiedenen medikamentösen Therapien, sobald die Erkrankung nicht mehr auf die verfügbaren Medikamente anspricht. Die Lage ist besonders prekär, wenn die Erkrankung resistent gegenüber sogenannten Proteasominhibitoren wird, einer Medikamentenklasse mit besonders guter Wirksamkeit. Die zu erwartende durchschnittliche Lebensdauer beträgt dann weniger als ein Jahr, die verfügbaren Medikamente wirken nur bei ca. 30 Prozent der Patienten und die monatlichen Medikamentenkosten liegen meist über 10.000 CHF.

Etablierte Medikamente für neue Zwecke recyceln

Die Arbeitsgruppe für Experimentelle Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen sucht nach Möglichkeiten, therapieresistente Myelomzellen wieder empfindlich für eine Therapie zu machen. Dabei setzt sie nicht auf die Entwicklung neuer Substanzen, sondern auf Medikamente, die seit Langem erfolgreich für die Behandlung anderer Krankheiten eingesetzt werden und die daher „sicher“ sind. Solche Medikamente sollen für die Krebstherapie „recycelt“ werden, indem man bei ihnen mit Hilfe moderner molekularer Methoden bisher ungekannte Wirkmechanismen offenlegt, die sich für die Tumortherapie nutzen lassen. Die Gruppe hat Nelfinavir als ein Medikament identifiziert, mit dem man die ProteasominhibitorResistenz bei Myelomzellen überwinden kann. Nelfinavir (Therapiekosten ca. 1.000 CHF monatlich) war über viele Jahre ein Standardmedikament zur Behandlung der HIV-Infektion, bevor es durch wirksamere HIV-Medikamente ersetzt wurde. Nelfinavir besitzt keinen Patentschutz mehr, ist damit kommerziell uninteressant und wird von der Industrie nicht mehr erforscht.

Doppelter Therapieerfolg zu einem Bruchteil des Preises

Gemeinsam mit der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) hat die St. Galler Gruppe um ihren Leiter Prof. Dr. Christoph Driessen die Therapie mit Nelfinavir bei Myelompatienten in der Schweiz getestet. Die Ergebnisse zeigten ein Therapieansprechen bei 65 Prozent der Patienten und damit eine deutlich höhere Rate im indirekten

 

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Vergleich mit der aktuellen Standardtherapie oder neuen Medikamenten der nächsten Generation. Als „Nelfinavir-Driessen“ wurde der Substanz mittlerweile von der Swissmedic und der Food and Drug Administration (USA) der Status als „Orphan Drug“ zur Behandlung des Multiplen Myeloms zuerkannt.

Weitere Therapiepotenziale heben

Dieser Therapieerfolg zeigt auf, dass ein wahrscheinlich großes Therapiepotential vieler „alter“ Medikamenten für die moderne (Krebs-)Medizin nicht erschlossen wird, unter anderem weil dies den kommerziell getriebenen Mechanismen der Entwicklung neuer Medikamente entgegenläuft. Für die erfolgreiche und sichere Behandlung von Patienten, den medizinischen Fortschritt und die zukünftige Stabilität des Gesundheitssystems könnte jedoch ein Ausnutzen des therapeutischen Potentials „alter“ Medikamente mit den Methoden der modernen Biologie eine wichtige, bisher kaum genutzte Option darstellen. Die molekulare Zielstruktur von Nelfinavir, die zu diesem Therapieerfolg und dem Absterben der vorher resistenten Myelomzellen führt, ist bisher unbekannt und soll jetzt in Laboruntersuchungen ergründet werden. Mit diesem Wissen kann einerseits diese Therapie zielgerichteter eingesetzt werden, zum anderen können damit neue Medikamente entwickelt werden, welche den hier erstmals beobachteten therapeutischen Effekt noch besser ausnutzen können.

Die Grafik veranschaulicht das Therapieansprechen der Patienten mit therapieresistentem Multiplen Myelom auf die experimentelle Therapie mit Nelfinavir, Bortezomib und Dexamethason. 34 Patienten wurden in einer nationalen Studie der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für klinische Krebsforschung (SAKK) behandelt. Die Grafik stellt die Veränderung der im Blut messbaren Spiegel von Tumoreiweiß (Paraprotein) dar, was beim Multiplen Myelom ein verlässlicher Parameter für die Zunahme oder Abnahme der Tumormenge ist. Insgesamt erreichten zwei Drittel der Patienten eine Verringerung der Tumorlast um mindestens 50 Prozent, was allgemein als „Therapieansprechen“ gewertet wird.